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Vorstellung

Sie sollten sich darauf vorbereiten, dass Sie hier nicht nur Zuschauer sind, sondern sich beteiligen dürfen - also eher müssen. Durch diese geschmackvollen Räume spazieren und auf Kunstwerke schauen – damit ist es bei der Konfrontation mit Harald K. Schulze und Clemens Gröszer nicht getan. Denn das hier ist nicht einfach nur eine Ausstellung. Schauen Sie sich um. Sie stehen mitten in einer Quizshow. Im familienfreundlichen Format. Denn Harald Schulze präsentiert diesmal nicht unverhüllt, was sein Kollege Gustave Courbet vor 150 Jahren den Ursprung der Welt der Welt nannte. Erste Frage zum Aufwärmen: Sie wissen, worauf uns Courbet schauen lässt?

Zweite Frage: Haben Sie, wenn Sie sich hier umschauen, etwas wiedererkannt? Den geohrfeigten, angespuckten Christus haben Sie schon irgendwo gesehen? Auch den Hund, der wie eine von einem Clown geformte Luftballonfigur aussieht? Und diese in die eigene Schwermut versunkene Schöne kommt Ihnen ebenfalls bekannt vor? Je mehr man sich in die Bilder vertieft, die Schulze hier zeigt, stolpert man über Zitate und die Großen der Kunstgeschichte: Fra Angelico, Dürer, Verlásquez, Caspar David Friedrich, Dalí, Jeff Koons.

Dann dieser Stil von Schulze und Gröszer, dieses Bespielen der Schnittstelle von Kunst und Antikunst, von Schönheit und Verzerrung. Auch das hat sein Vorbild, das in jener Zeit gezeugt wurde, als sich ein der Wirklichkeit annähernder Expressionismus mit einem lärmenden Dadaismus zusammenknallte. Was damals, Anfang der 1920er-Jahre, Neue Sachlichkeit genannt wurde, drehen Gröszer und Schulze ins Surreale weiter, ohne ihre Verehrung für Conrad Felixmüller und Otto Griebel – die aus Arbeitern herrliche Ganoven machen und wunderbar ese Visagen malen konnten - und vor allem für George Grosz und Otto Dix zu verstellen. Sich vom Halbseidenen kitzeln zu lassen und das Abnorme als besonders bildwürdig zu emp nden, haben Schulze und Gröszer von diesen Vorvätern geerbt, auf deren Schultern sie sich stellen. Da ist ein bisschen Größenwahn mit dabei. Sagt ja auch der Name – wir bewegen uns von Grosz zu Gröszer. Aber Größenwahn ist eine der Urwurzeln des Dada - denken wir an Richard Huelsenbeck, der sich Weltdada nannte – und ohne Dada kommen wir bei Schulze und Gröszer nicht weiter.

Als sie mit dem Bildhauer Rolf Biebl vor 35 Jahren die Künstlergruppe NEON REAL gründeten, vollzogen sie diesen Akt in schönster Dada-Manier mit einer Erklärung, einem Manifest selbstverständlich, ihrem NEON REAL – Diktat. Ihre stilistischen, ästhetischen, ideologischen und persönlichen Maximen haben sie da wie folgt umrissen: „Epidermis, Agnus Dei, Rotkohl – Südpol Schuppenfisch / Triolett und Gipsbankett“. Dann steigert es sich zu „Auf verstanden im Ruin – Hände an den Hosenmaat“ und fordert „Leibhaft setz dein Gegenbild mit Namen NEON REAL“.

Vor zwei Jahren hat sich die Gruppe hier noch einmal präsentiert und Zeugnis davon gegeben. Was vorher keiner wissen konnte, es wurde ein doppelter Abschied. Von NEON REAL und Clemens Gröszer. Mitten in den Vorbereitungen zu jener Schau starb er ganz überraschend – am 4. Oktober 2014.

Und ist nun trotzdem gemeinsam mit seinem Freund Harald Schulze hier wieder gegenwärtig, um mit ihm die Vergänglichkeit der Kunst auszuforschen. Es haben sich viele Maler darüber Gedanken gemacht. Caravaggio tat das auf süffisante Weise mit seinem Bild „Amor als Sieger“. Da hockt der splitternackte Amor mit gespreizten Beinen halb auf einem Tisch, halb auf einer angedeuteten Weltkugel, auf die er, wie soll man’s anders nennen: scheißt. Unter ihm liegen: Musikinstrumente, Noten, Schreibzeug, Rüstungen. Alles verstreut, alles dem Welken hingegeben. Was aber bleibt, ist die durch die Malerei konservierte Dreistigkeit. Und mit ihr die Malerei selbst. Oder denken wir an Hans Holbeins berühmtes Bild des Kaufmanns Georg Gisze. Ein Porträt eines geld- und einflussreichen Mannes, der wusste, dass sich Unsterblichkeit nicht kaufen lässt, dass sich ein Fortbestehen aber malen ließe. Auf diesem Bild steht neben Gisze eine zierliche Glasvase auf dem Tisch. Man beachte, wie gekonnt Holbein die Spiegelungen und Brechungen des Lichts gemalt hat. Bei Caravaggio finden wir ähnlich raffinierte Glasmalereien wieder. Und Schulze zeigt uns, er kann das auch.

Wenn bei Schulze Motive von Dürer und Caspar David Friedrich auftauchen, dann befragt er damit nicht nur unser kulturhistorisches Wissen, sondern auch unsere Identität. Warum bleiben uns Dürer und Friedrich denn so wichtig? Liegt es an ihrer zeitlosen Meisterschaft? Oder steckt im deutschen Genom eine ausgeprägte Melancholie-Sequenz, die besonders sensibel auf Mondschein, gotische Ruinen und einsame Gestalten an hohen und achen Küsten reagiert? Sind Dürer und Friedrich also ein Teil unseres Sein, an den man sich ab und an mal erinnern sollte? Und sind wir deshalb zu Gemütsschwere verurteilt?

Nein, sind wir nicht. Wir können auch anders, beherrschen auch die schrille Bosheit, das Lachen aus dem Abgrund. Der Gruselclown geht um und feiert die gestörte Spaßkultur, die für Schulze etwas viel Gemeineres als ein schlechter Witz ist. Die ekligen Lacher, die rüde Schadenfreude, die Verunglimpfung – das alles springt aus seinen Überraschungsboxen. Aus denen sich noch andere unheilvolle Elemente befreien. Der Flohmarkt der Geschichte feiert Ausverkauf und die historisierenden Billigheimer wittern ihre Chance. Vor zwei Jahren hat Harald Schulze hier ein Bild mit krawallschlagenden Kahlköpfen der Generation Hoyerswerda präsentiert. „Looser“ nannte er es. Nun zeigt er an gleicher Stelle wieder, dass seine Verehrung für die Meister der Vergangenheit ihn für die Gegenwart nicht blind macht.

Seinem wilden Kosmos stehen - still und schweigend beinahe – die Grafiken und Figuren Gröszers gegenüber, in denen sich etwas von der dunklen Romantik fortsetzt. Diese Figuren, die halb im Hier und halb in einer Entrücktheit zu Hause sind, können einer deutschen Identität, die mehr ein Dilemma ist, nicht entfliehen. Fest wirken sie und zerbrechlich zugleich. Und stehen damit für einen sehr deutschen Begriff: die Zerrissenheit. Und berühren deshalb so, weil es in ihrer Absicht liegt, sich dieser Zerrissenheit auszuliefern.

Uwe Stiehler