Hannelore Teutsch

Hannelore Teutsch
Malerei
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Vorstellung

Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrte Frau Lüdicke,
sehr geehrte, liebe Hannelore Teutsch!

Das neue Ausstellungsjahr der Galerie Ei beginnt mit einer Werkschau von 27 Bildern aus dem Atelier von Hannelore Teutsch, die 2008 den Brandenburgischen Kunstpreis für Malerei erhielt.
Einen kleinen, aber treffenden Einblick in die Arbeit der Malerin gewähren uns die von 2002 bis 2015 entstandenen Gemälde, umso mehr, als die Bildauswahl jene für sie typischen Motivfelder wider spiegelt: Es sind Stadtbilder, Landschaften, Figurenbilder und Stillleben, wobei die Grenzen zuweilen fließend sind.
Ganz gleich ob im Stillleben, in der Natur- oder Stadtlandschaft sowie im Figurenbild, aus allen Bildern sprechen Fabulierkunst und Entdeckerfreude der Künstlerin. Mal dominiert eine stille Nachdenklichkeit, mal obsiegt die leise Heiterkeit, mal überwiegt eine ironische Dimension. Immer sind es unaufgeregte, ruhige und dennoch kraftvolle Bilder, deren visuellen Inszenierungen zuweilen etwas Feierliches anhaftet.

Lassen wir uns ein auf diese sinnlich anregende Ausstellung, die uns vielfach Bildhorizonte vor Augen führt, - diese Grenzlinie zwischen der sichtbaren Erde und dem Himmel. Ausgehend vom Titel der Ausstellung – Vor und hinter dem Horizont -, wird uns auch ein Blick auf das nicht Sichtbare in Aussicht gestellt.

Hannelore Teutschs Bilder verfügen über eine magische Kraft und behaupten sich in der heutigen Bilderflut, denn sie zelebrieren das spezifisch Malerische, indem sie ganz aus Farbe und Form, Hell und Dunkel und deren intensiven Beziehungen entstehen. Die Stimmungswerte ihrer Bildwelten sind von einem streng gefügten, spannungsreichen Aufbau geprägt sowie durch klare Formen und eine versierte Farbkultur. Garant dafür ist die Sicherheit der Künstlerin im Umgang mit den technischen Mitteln, den gekonnt in Schichten aufgetragenen dichten Pinselstrichen mit Tempera oder Öl auf Leinwand, Hartfaser und Holz. Auf überzeugende Weise verbindet die Malerin Tradition und Aktualität und verleiht ihren Bildschöpfungen die Aura von Zeitlosigkeit.

Der geübte Betrachter wird unschwer diverse kunsthistorische Bezüge erkennen, beispielsweise zur niederländischen Malerei, die Hannelore Teutsch seit der Jugend fasziniert und die sie in den einmaligen Sammlungsbeständen des Schweriner Museums immer wieder im Original studiert hat. Sie bezieht sich u.a. auf die konstruktive räumliche Klarheit des jüngeren Lucas Cranach. Noch andere Wahlverwandtschaften klingen an, zum Beispiel zu den großen Surrealisten Giorgio de Chirico oder Magritte. Aber immer stehen wir vor originären Bildfindungen von Hannelore Teutsch. Ihre Kompositionen gleichen entgrenzten Bühnen, auf denen die Auseinandersetzungen mit der Welt der Dinge, des Geistes und der Natur stattfinden und die auch von Literatur und Kunst beeinflusst sind.

In Berlin geboren verbringt Hannelore Teutsch Kinderjahre, Schulzeit und Berufsausbildung südöstlich von Berlin bzw. in Potsdam. Das anschließende Studium der Gebrauchsgrafik von 1962-65 absolviert sie an der Fachschule für Angewandte Kunst in Berlin-Schöneweide. Es folgen zwölf Jahre als Typografin und Zeichnerin in Berliner Verlagen. Seit 1977 arbeitet Hannelore Teutsch freiberuflich. Mit dem Entschluss zur Selbständigkeit als Buchgestalterin, Zeichnerin und Grafikerin für Bücher verschafft sie sich vor allem auch den Freiraum, um das Malen zu intensivieren, dem sie sich seit Ende der 1960er Jahre immer wieder gewidmet hat. Seit den 1990er Jahren ist sie ausschließlich Malerin.
Ihr Münchner Großonkel arbeitete bereits als Maler und Professor bis 1939 und ab 1946. Er gehörte zum Murnauer Malerkreis um Gabriele Münter. Seine Bilder hingen im Haus ihrer Eltern, heute in ihrem.

Hannelore Teutsch beginnt den Weg als Malerin mit Stadtbildern, die sie bis heute kontinuierlich weiter entwickelt. Gemälde wie „Berliner Straße I und II“, „Abend am Ostkreuz“ oder „Nächtlicher Dachgarten“ fangen nicht nur atmosphärisch das für Berlin typische Stadtkolorit ein. Sie bereichern das traditionsreiche Bildgenre der Berliner Stadtlandschaft, für das Künstlernamen wie Hans Baluschek, Werner Heldt, Konrad Knebel oder Hans-Otto Schmidt stehen, um interessante Facetten.

In den beiden großformatigen Stadtlandschaften „Von C nach B“ und „Heckradschlepper 650 PS“ befinden sich Malerin und Betrachter an authentischen, geschichtsträchtigen Orten Berlins, am Standort Mühlenstraße mit Blick auf das Nikolaiviertel in Mitte, dem ältesten Wohngebiet der Stadt. Nur einen Steinwurf entfernt liegt der historische Hafen am Märkischen Ufer, wo der Heckradschlepper, der dem zweiten Bild den Titel gibt, seit mehr als zehn Jahren vor Anker liegt. Das fast 60 Meter lange historische Schiff wurde zu einem Restaurant umfunktioniert, genutzt von Mittagspäuslern und Touristen, die über Stege, vorbei an Seilen und Ankern gehend die maritime Seite Berlins kennen lernen. Im Kontrast zu Hochglanzwerbungen für solche angesagten Berlin-Locations schildert Hannelore Teutsch mit den Mitteln der neusachlichen Bestandsaufnahme dieses Ergebnis von tradierter 2 3 und moderner Stadtverwandlung. In das streng in drei waagerechte Streifen gegliederte Bild aus Häuserzeile mit Baum im Hintergrund, Spreelauf in der Mitte, wird der Vordergrund zu einer stilllebenhaften Reihung von zwei Holzfässern, auf denen ein Trichter lagert, und dem in Weinrot leuchtenden Rad der Trossenwinde, das auf dem Maschinenkasten sitzt. Es bildet den Mittelpunkt im Bild. Eher beiläufig, wie auch im anderen Bild vom Standort Mühlenstraße, sind zwei kleine Figuren platziert.

Könnten sich diese Bildszenen in der Realität tatsächlich so abgespielt haben, verhält es sich völlig anders mit einem der aktuellsten Bilder der Ausstellung „ZAT“. Die von der Künstlerin gern verwendeten Kürzel aus Buchstaben oder Zahlen stehen im Fall von ZAT für „Zugabfertigung durch den Betriebswagenführer“, einem aus dem Berliner S-Bahnverkehr stammenden lexikalischen Begriff, der die Einsparung von Aufsichten auf den Bahnsteigen meint. Dargestellt ist ein unter dunklem Nachthimmel ausgeleuchtetes Ende eines Berliner S-Bahnhofs. Absperrgitter weisen auf eine Baustelle hin, hinter denen schemenhaft ein kleines Betriebsgebäude und verschiedene Informations- und Lichtzeichen erkennbar sind. Aufmerksamkeit erzwingt die mit erhobenen Armen gestikulierende weibliche Figur mit einer angespannten Körperhaltung wie kurz vor einem Ohnmachtsanfall. Das visualisierte Erschrecken geht von einem angelehnten Schild mit der lebensgroßen Gestalt eines Pestarztes aus, charakterisiert durch die typische schnabelartige Haubenmaske und das bodenlange Gewand, die ihn vor Ansteckung schützen sollten. Spielerisch wird die Form der Maske im Schnabel einer Waldschnepfe wieder aufgenommen, die am oberen Rand des Lichtmastes sitzt und die, wie viele unauffällige Details auf den Bildern von Hannelore Teutsch, erst beim genauen Hinsehen zu entdecken sind.

Die Malerin hat auf einem solchen S-Bahnhof gestanden und die Zeit des unfreiwilligen Wartens für intensives Beobachten genutzt. Unterstützt durch ein Foto folgt dann im Atelier der Prozess des Bildentwurfes, der Abwandlung und Verdichtung. Sie selbst sagt: „Bilder sind für mich Fenster, Ausblicke in imaginierte Welten. Phantasie und Spiel, Modifikation von Wahrnehmungen und Träumen gehören zum Entstehen eines Bildes.“

Variantenreich sind auch ihre Figurenbilder. Im Duktus des Doppelporträts legt sie das Bild „Ohne viel Wind“ an, das sich in der Formensprache auf den jungen Lucas Cranach bezieht. (Bildtitel in Klammern: zu Cranach d.J.). Dargestellt sind in Halbporträts einander zugewandt die Künstlerin selbst und ihr Ehemann, der Bildhauer Reinhard Jacob, dessen physiognomische Ähnlichkeit mit Cranach als Mundschenk in seinem Bild „Das Abendmal“ von 1565 verblüfft. Er trägt eine Schriftrolle, sie hält eine Mohnblume in der Hand. Die Strenge der Komposition wird durch die Verlagerung der Szene ins Freie gemildert, Verfremdung durch ein das Bild überziehendes Geflecht aus blattlosen Zweigen erreicht, das als Sinnbild des Geflechts des Lebens deutbar ist.

Im Bild „Der Dirigent“, dem Motiv auf der Vorderseite der Einladungskarte, gemalt im Stil des amerikanischen Realismus eines Edward Hopper, agieren auf einem Rollfeld sechs Personen. Im Vordergrund, mit dem Rücken dem Betrachter zugewandt, ein Dirigent mit erhobenem Taktstock. Jede Figur, ob stehend oder laufend, ist in sich versunken, keine Interaktion findet statt. Auch der im Hintergrund auszumachende Drachenlenker kehrt allen den Rücken zu. Lange Schlagschatten und die sich kreuzenden Linien der Rollbahn- und Pistenmarkierungen sowie der drei Kondensstreifen am Himmel verstärken den Eindruck des situativ Irrealen. Thematisiert wird der Einzelne in seiner Einsamkeit und Isoliertheit, ungeachtet des Dirigenten mit seinem Bestreben, die Gruppe wie ein Orchester zu lenken und in Einklang zu bringen. Bilder wie dieses und das daneben hängende Bild „Postoffice“, das sich auf einen Besuch der Künstlerin in Manchester bezieht, einem Studienort ihrer Tochter, verbinden reale und imaginäre Elemente: real in ihrer trivialen Wirklichkeit und zugleich metaphysisch, das Verhältnis von äußeren und inneren Welten apostrophierend. Die erzeugte magisch-metaphysische Stimmung betont den assoziativen Charakter des Dargestellten, das den Betrachter herausfordert. Seinem Augensinn und seiner gedanklichen Weiterführung bleibt es überlassen, inwieweit er die oftmals kritische Sicht der künstlerischen Intention aufnimmt, die letztlich auch auf moralische Werte abzielt.

Mehrere Gemälde nehmen bekannte Konflikte als Bildvorwand wie im Einzelfigurenbild „Die Freuden der zünftigen Hausfrau III“. Bildgegenstand ist eine moderne junge Frau im Augenblick eines Luftsprunges. Doch passt die äußerliche Geste nicht zum ernsten Gesichtsausdruck, dem nachdenklich, fast traurigen, nach innen gekehrten Blick. Im Kontext zum Bildtitel ironisiert die Malerin das in der Kunst vielfach aufgegriffene Thema des Rollenverständnisses von Frauen als Mutter, Ehe- und Hausfrau und Künstlerin. Eine Selbstbefragung? Die Requisiten auf dem Boden des nicht näher beschriebenen Raumes bringen neben einem Schuhspanner und einem Fußbänkchen die Arbeitsutensilien der Künstlerin ins Bild, Pinsel und Glasflasche mit blauer Tusche.
Keine ostentative Belehrung des Betrachters erfolgt, keine feministische Zuspitzung. Umherwirbelnde Kugeln, ein Würfel und zahlreiche Blütenköpfe balancieren den Ernst der Thematik spielerisch aus. Noch nie habe ich zu diesem Thema ein poetischeres Bild gesehen.

Wer von Ihnen die aktuelle Faust-Inszenierung von Robert Wilson am Berliner Ensemble gesehen hat, teilt vielleicht meine Ansicht, dass viele von Wilsons Bühnenfiguren den Bildern von Hannelore Teutsch entsprungen sein könnten. Die Nähe beider Figurenanlagen stellt sich für mich durch die Beziehung und Begegnungen der Figuren und Formen untereinander her, die stark durch Traumhaftigkeit bestimmt ist, durch die Phantasie, mit der ihre Figuren und Wesen auf geisterhafte Weise agieren, oft in scheinbar schwerelos schwebender Bewegung. Sie stellen Fragen nach dem Existenziellen, sind auf der Suche nach Orientierung und dem Sinn im Leben.

Werfen wir abschließend einen Blick auf die Stillleben. Auch in ihnen strebt Hannelore Teutsch keine naturalistische Wiedergabe an. Sie gehört zu jenen Künstlern, die das oft zu unrecht abgewertete Genre mit einer betont subjektiven Wahrnehmung und Reflexionsebene in eine weit darüber hinaus führende Dimension hebt. Erdbeeren, Äpfel, Tomaten, Paprika oder Fenchel präsentiert sie wie auf einem Altar, arrangiert Vögel, Zweige, Schneckengehäuse oder ein Taschenmesser dazu. Nebensächliches wie ein Maßband, ja sogar eine profane Y-Verbindung für einen Gartenschlauch, ein Trinkbecher oder ein nostalgisches Portionsschäufelchen, - wie aus einem alten Kaufmannsladen -, liegen neben einem Rasierspiegel, der Kinn und Schulter der hineinschauenden Malerin reflektiert. Ranunkel in einer Vase, von Perlen umspielt, werden zu einem kostbaren Blumenstück. Herausgelöst aus ihren ursprünglichen Funktionszusammenhängen wird der einfache Gegenstand geheimnisvoll, entdeckt sie in den Dingen eine stille Schönheit.

Hannelore Teutsch liebt die Gegenstände, die sie für ihre Stillleben auswählt. Mit warmen Farbtönen und einer zurückhaltenden Sinnlichkeit erweist sie ihnen Aufmerksamkeit, ja Bewunderung. Wir treffen in diesen Parabeln, in denen aus leblosen Dingen lebendige neue Welten entstehen, immer auch auf Gebilde von Ausgewogenheit, Maß und Harmonie, als ob im Unsichtbaren eine eigene Wahrheit liege, die die Selbsterkenntnis anregt und beflügelt. Insofern trifft Paul Klees Sentenz Kunst bilde nicht ab, sondern mache sichtbar, auf das Bildprogramm von Hannelore Teutsch besonders zu.

Sehr geehrte Damen und Herren, Sie werden ihr eigenes Urteil fällen, den eigenen Horizont ins Spiel bringen, - um noch eine weitere gebräuchliche Verwendung des Wortes Horizont aus dem Ausstellungstitel anklingen zu lassen.
Ich wünsche Ihnen eine interessante Zwiesprache mit den Bildern von Hannelore Teutsch, heute Abend anregende Gespräche und der Ausstellung viel Beachtung.
Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Dr. Bärbel Mann, Rede zur Vernissage am 13. Januar 2016 in der Galerie Ei