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Vorstellung

Im Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit hat die künstlerische Grafik oft einen schwierigen Stand. Ist ihr prophezeit worden. Aber das hält Klaus Kellner nicht davon ab, wieder und wieder Messer, Eisen, Stichel in die Hand zu nehmen, ins Holz zu schneiden. Die Kunst, die dieser 80jährige Berliner seit mehr als einem halben Jahrhundert unverdrossen mit großer Souveränität und Eigensinn schafft, ist unverbraucht heutig, lebendig. Sie ist wesentlich. Sie ist schön. Die hier ausgebreiteten Arbeiten lassen nur eine Ahnung von dem wirklichen Reichtum und der Vielfalt seines künstlerischen Tuns zu. Der gelernte Holzbildhauer kam aus der Rhön ging über die bekannte Kunstfachschule Heiligendamm nach Berlin. Der Liebe wegen. Und der Hoffnung wegen.

Die Hoffnung, das war der Traum von der Kunst als einem autonomen Bereich der geistigen Freiheit. Und der schien ihm hier noch am ehesten möglich zu sein. Diese Freiheit - sie war nicht wohlfeil, man musste sie sich schon nehmen. Trotz vieler Freunde, Maler, Bildhauer, Theaterleute, Gleichgesinnte im Denken, blieb Kellner immer ein künstlerischer Einzelgänger. Er gehörte keiner der sogenannten Schulen an, und er gehörte auch nicht zu jener Handvoll Künstler, an denen keine große Ausstellung, kein Großauftrag vorbeikam. Kellner hat sich rar gemacht. Er wollte sein Eigenes, keine Dutzendware. Er ist einer, der sich und seinem künstlerischen Maßstab treu blieb.

Als Erich Engel, Oberspielleiter an Brechts Berliner Ensemble, Anfang der 60er Jahre seine Arbeiten zum Schweyk und zur Dreigroschenoper sah, bekam Kellner sofort den Auftrag zum Programmheft. Seine Illustrationen zur Weltliteratur öffneten ihm ein paar Türen. Die Weigel kaufte Blätter von ihm, das Kulturministerium rückte ein Stipendium raus, Sammlungen kauften an. Später hat er in Marzahn sogar Aufträge für sogenannte baugebundene Kunst bekommen.

Dem Holzschnitt blieb Klaus Kellner immer treu. Vielleicht weil dem Widerstand des Materials nur genauso beizukommen ist wie der Verführung durch Gefälligkeit. Ehrlich unkud selbstbewusst. Kellners Blätter sind an keiner Stelle gefällig. Sie sind schön in einem Sinn von Eigen-Sinn. Sensibel nimmt er mit der Natur, der Figur Fühlung auf. Dem lebendigen Material Holz entlockt er Bilder voller Leben. Ehe ein Blatt, ein wirklich fertiges Blatt, seine Werkstatt verlässt, ist es fertig in seinem Kopf. Kellner arbeitet nicht vor der Natur, darum wird die Schönheit des Konkreten zum Reiz des Abstrakten. Landschaft wird Zeichen, Zeichen wird zur Landschaft. Filigran in der Technik, fein abgestimmt die Farbigkeit der Blätter. Wer sich auf die Kunst von Klaus Kellner einlässt, merkt, wie sehr sie ihm Raum für eigene Gefühle, Interpretationen, Ideen liefert. Das Auge kann sich festhalten an vertrauten Strukturen. Da gibt es kein Brimborium. Augenblick und Dauer, Form und Farbe bedingen folgerichtig einander.

Seine Blätter stiften visuelle und emotionale Unruhe, der man sich stellen muss. Die Sprengkraft des Holzschnitts liegt ja selten im Motiv, eher in der unbedingten Konzentration auf die Fläche. Aus der Begegnung von ineinander und übereinander gedruckten Flächen entsteht nämlich erst der Raum. Und genau an dem Punkt treffen sich Handwerk und Kunst. Kunst wächst aus Handwerk, weil das Bilderschneiden in einem Zwischenreich passiert, in dem sich Kunst und Kopf begegnen.

Einen Titel braucht diese Ausstellung nicht. Das Wort Holzschnitt auf der Einladungskarte reicht, meinte Klaus Kellner bei unserem ersten Atelierbesuch. Er sagte es mit Bestimmtheit und gleichzeitig stolzer Hochachtung vor dem uralten Handwerk. Immerhin lässt sich die Technik des Holzschnitts erstmals im 6. Jahrhundert in China nachweisen. Druckstöcke für den Buchdruck. Und in Deutschland waren es Dürer und Hans Baldung die dieser Technik zu künstlerischer Bedeutung verhalfen.

Was Klaus Kellner wieder und wieder bewegt zu seiner Arbeit, das weiß nur er ganz allein, zumal sie ja nicht mit unerheblicher körperlicher Anstrengung verbunden ist. Du kannst den Leuten ruhig sagen, dass ein Holzschnitt ziemlich lange dauert. Ein Satz, den er mir wie nebenbei mitgab, und der hier einfach gesagt werden soll.

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